Ohne viel Selbstdisziplin geht es nicht!
Vor 7 Jahren kam Jurate Bernhard nach Deutschland. Geboren in Litauen lernte sie in ihrer Heimat einen deutschen Mann kennen und ging mit ihm nach Ostwestfalen. Es war ein schwieriger Anfang: sie kannte die Sprache nicht, hatte noch keine Kontakte und musste sich in das Leben hier einfinden.
In Litauen hatte sie Volkswirtschaft studiert und anschließend in verschiedenen Funktionen im Speditionswesen gearbeitet. Sie war viel im Kontakt mit Kunden und leitete ganze Abteilungen. Zuletzt war sie selbständig mit einer kleinen eigenen Spedition.
In Deutschland fand sie in diesem Bereich keine Arbeit – die Sprache war ihr größtes Handicap. Da sie jedoch zum Lebensunterhalt der Familie beitragen musste und wollte, fand sie nur Arbeit in der Zeitarbeit als Produktionshelferin. Auch wenn sie dabei nicht recht glücklich war, blieb sie doch – bis zur Wirtschafts- und Finanzkrise. Dann wurde sie entlassen.
Das war der entscheidende Moment, die Weichen neu zu stellen. Sie macht sich auf die Suche nach Alternativen und erfährt aus dem Radio vom Projekt „Talentregion OWL“. Über das Internet findet sie die Ansprechpartner und ruft an.
Nun beginnt ein neuer Lebensabschnitt. In der Beratung erzählt sie von ihrem Wunsch, wieder in ihrer alten Branche, dem Speditionsbereich, arbeiten zu wollen – aber wie? Von der Beraterin erfährt sie von der Möglichkeit, ihren Abschluss als Speditionskauffrau nachzuholen. Das würde ihre Chancen auf einen Arbeitsplatz deutlich erhöhen. Ihre Vorkenntnisse und die einschlägige Beschäftigung in ihrem Heimatland reichen aus, um die Zulassung zur Externenprüfung zu erhalten, denn auch Berufstätigkeit im Ausland wird dabei anerkannt. Mit strahlenden Augen über eine mögliche Perspektive ergreift Jurate B. ihre Chance. Gemeinsam mit der Beraterin wird der Lebenslauf überarbeitet, ein Tätigkeitsprofil erstellt und die Zulassung zur Prüfung beantragt. Parallel dazu sucht die Beraterin nach passenden Angeboten zur Nachqualifizierung und wird bei der DEKRA fündig. Dorthin geht Jurate B., um sich einen individuellen Bildungsplan erstellen zu lassen. Es folgen Gespräche mit der Bundesagentur für Arbeit, um die Förderung ihrer Weiterbildung genehmigt zu bekommen. Aufgrund der guten Kontakte des Projekts zur Agentur sind die Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter vorinformiert und unterstützen das Vorhaben.
Bei der DEKRA findet die Schulung modular und EDV-unterstützt in kleinen Lerngruppen statt. Ein Tutor gibt Hilfestellung.
Für Jurate B. beginnt eine anstrengende Zeit. Jeden Morgen steigt sie um 6.19 Uhr in den Zug und fährt nach Bielefeld. Bis 14.30 Uhr arbeitet sie im Selbstlernzentrum, um sich den notwendigen Unterrichtsstoff anzueignen. Nachmittags zu Hause wartet die Familie mit zwei kleinen Kindern.
Dazu kommt das Training in der deutschen Sprache. Hier fehlt gezielte Unterstützung, um den Wortschatz zu erweitern. Noch gibt es in der Region über die Kurse des BAMF hinaus kein adäquates Angebot, das zum einen in Richtung Bildungssprache trainiert und zum anderen für Arbeitssuchende bezahlbar ist.
Durch den täglichen Umgang mit Kolleginnen und Kollegen im Lernzentrum hat sich ihr Deutsch zwar deutlich verbessert, aber reicht es für die Prüfung aus? Jurate B. ist sich unsicher. Dazu kommen weitere Schwierigkeiten, die ihr zu schaffen machen: bei einigen Modulen ist die Zeit in Verbindung mit der Fülle des Stoffs sehr knapp bemessen. „Ohne guten Lehrer, der sich sehr viel Mühe mit mir gibt und einer ungeheuren Selbstdisziplin würde ich es nicht schaffen“, ist ihre eindeutige Meinung. Problematisch ist für sie auch die englische Sprache. Sie hat zwar mal vor langer Zeit in der Schule in Litauen etwas Englisch gelernt, so dass sie den Klang der Sprache kennt. Dennoch ist das Sprachenlernen im Selbstlernverfahren wenig effektiv. Sprache muss man hören und sprechen.
Jetzt sucht sie einen Praktikumsplatz, um die Arbeit in einer Spedition in Deutschland kennen zu lernen. Ihre Beraterin aus dem Projekt unterstützt sie dabei.
Der Berufsabschluss über den Weg der Nachqualifizierung und der Externenprüfung ist ein harter Weg. Hier fehlt es an gezielten weiterbildungsbegleitenden Hilfen, um gerade Menschen aus anderen Ländern umfassend unterstützen zu können. Auch wenn jemand wie Jurate B. die kognitiven Fähigkeiten mitbringt und das Lernen gelernt hat während ihres Studiums, so kommen auch gut Qualifizierte alleine nur schwer mit den geballten Anforderungen des deutschen Bildungssystems zurecht.


















