Für einen Berufsabschluss ist es nie zu spät
Lippe Wissen & Wirtschaft 07/2010 berichtet über die Externenprüfung als Instrument der Weiterbildung. Den gesamten Artikel finden Sie hier.
Abschlussorientierte modulare Nachqualifizierung junger Erwachsener ohne Berufsabschluss in der Region OWL – modellhafter Auf- und Ausbau auf Dauer ausgerichteter Kooperations-, Unterstützungs- und Beratungsstrukturen.
Das Bundesprogramm Perspektive Berufsabschluss wird gefördert aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und des Europäischen Sozialfonds der Europäischen Union.
Lippe Wissen & Wirtschaft 07/2010 berichtet über die Externenprüfung als Instrument der Weiterbildung. Den gesamten Artikel finden Sie hier.
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Vadim Borodin (34 Jahre alt) absolvierte die Externenprüfung zum Zimmerergesellen. Das halbe Jahr Nachqualifizierung war nötig, um Lücken in Fachkunde und Mathematik zu schließen. Ich bekam individuelle Unterstützung im HBZ Brackwede, denn ich habe die Hilfe eines Senior-Experten in Anspruch genommen im Rahmen des Projektes VERA-Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen.
War es anfangs komisch, das Lernen wieder zu lernen und in den bestehenden Klassenverband in der Berufsschule integriert zu werden, lief es zum Schluss richtig gut.
Sven Lüpker (31 Jahre alt) schloss am 22.07.11 die Externenprüfung zum Maurergesellen ab. Ich würde jeder Zeit wieder an einer Nachqualifizierung teilnehmen. Ich fühlte mich gut beraten und habe das Ungewohnte gemeistert.
Nazmi Imeri (37 Jahre alt) arbeitete Jahre lang als Bauhelfer und wurde von seinem Chef auf die Externenprüfung hingewiesen. Ich habe mich entschieden, unbedingt daran teilzunehmen, um einen qualifizierten Berufsabschluss zu erlangen. Die Arbeit, vor allem die Prüfungsvorbereitungsphase war sehr arbeitsintensiv, aber ich würde jeder zeit wieder so entscheiden.
Diese 3 Herren erhalten heute ihren Gesellenbrief!
Ein Bauerngehöft von 1786 mitten in der lippischen Idylle – hier arbeitet zurzeit Florim Mustafi, 36 Jahre alt, als Maurergeselle und restauriert mit seinen Kollegen das alte Fachwerkgebäude. Im letzten Jahr hat er als sog. Externer die Gesellenprüfung abgelegt und er ist stolz darauf. „Ich war im Praktischen einer von den besten und habe mit „1“ abgeschlossen“, berichtet er zufrieden.1993 kam er aus dem Kosovo nach Deutschland. In seiner Heimat hat er zuletzt die technische Schule besucht, um KFZ-Mechaniker zu werden. In Deutschland angekommen, suchte er sich Arbeit und landete beim Baugeschäft Niemeier aus Bielefeld. Dort hat er sich gut eingearbeitet, Erfahrungen gesammelt und viel gelernt. In einem Winter nahm er sogar als Gasthörer am Berufsschulunterricht teil. Er fühlte sich bald ähnlich fit wie seine Kollegen mit einem Gesellenbrief. Eines Tages sprach er seinen Chef, Frank Niemeier, an und fragte nach den Möglichkeiten, auch eine Prüfung abzulegen. Der hatte gerade von dem Projekt „Talentregion OWL“ gehört und – da Florim Mustafi ein guter Mitarbeiter war, kümmerte er sich sofort um die Möglichkeiten, die Externenprüfung zu machen und wandte sich an das HBZ Brackwede. Renate Uhlending, die dortige Projektleiterin für die Talentregion, nahm die Sache in die Hand: die Zulassung wurde beantragt, die Schulungen organisiert, der Kontakt zur Berufsschule aufgenommen. Besonders wichtig war die finanzielle Seite. Florim Mustafi als junger Familienvater hatte nicht das Geld, um sich diese Art der Fortbildung zu leisten. So kam die Bundesagentur für Arbeit ins Spiel. Das Programm „Wegebau“ bot die Möglichkeit, den Verdienstausfall zu kompensieren. Frank Niemeier, der seinen leistungsbereiten Mitarbeiter schätzte, war bereit, ihn frei zu stellen, damit er im HBZ Brackwede die Schulungen besuchen konnte und während der Wintermonate den Blockunterricht des 2. und 3. Lehrjahrs im Berufskolleg.
Nun ging’s los. „Die Schule war stressig“, berichtet Florim Mustafa. „Ich kannte das deutsche Schulsystem nicht und musste erst alles durchblicken.“ Zunächst machte er die Zwischenprüfung zusammen mit dem 2. Lehrjahr mit, um zu sehen, wie er leistungsmäßig stand. Nachdem das klappte, hat er ein halbes Jahr hart gearbeitet, vor allem im theoretischen Teil. „Man muss sich mächtig anstrengen, um es durchzuziehen“, sagt er heute. „Aber man sollte es machen.“
Sein Beispiel scheint im Betrieb Schule zu machen. Der Chef hat vor, einen weiteren Mitarbeiter nachzuqualifizieren und für ihn die Zulassung zur Externenprüfung zu beantragen. „Wer willig ist, Interesse, Lust und Freude an der Arbeit hat, der sollte es machen!“ resümiert er. „Da das Klima im Betrieb gut ist, sind die Kollegen auch gerne bereit, jemanden, der weiterkommen will, zu unterstützen.“
Hier haben alle Partner gut zusammengespielt: Mitarbeiter, Betrieb und Bildungsstätten. So stand nach nur einem halben Jahr ein erfolgreicher junger Geselle in der Lossprechungsfeier im HBZ Brackwede als Kammerbester vor über 100 „Junggesellen“.
Vor 7 Jahren kam Jurate Bernhard nach Deutschland. Geboren in Litauen lernte sie in ihrer Heimat einen deutschen Mann kennen und ging mit ihm nach Ostwestfalen. Es war ein schwieriger Anfang: sie kannte die Sprache nicht, hatte noch keine Kontakte und musste sich in das Leben hier einfinden.
In Litauen hatte sie Volkswirtschaft studiert und anschließend in verschiedenen Funktionen im Speditionswesen gearbeitet. Sie war viel im Kontakt mit Kunden und leitete ganze Abteilungen. Zuletzt war sie selbständig mit einer kleinen eigenen Spedition.
In Deutschland fand sie in diesem Bereich keine Arbeit – die Sprache war ihr größtes Handicap. Da sie jedoch zum Lebensunterhalt der Familie beitragen musste und wollte, fand sie nur Arbeit in der Zeitarbeit als Produktionshelferin. Auch wenn sie dabei nicht recht glücklich war, blieb sie doch – bis zur Wirtschafts- und Finanzkrise. Dann wurde sie entlassen.
Das war der entscheidende Moment, die Weichen neu zu stellen. Sie macht sich auf die Suche nach Alternativen und erfährt aus dem Radio vom Projekt „Talentregion OWL“. Über das Internet findet sie die Ansprechpartner und ruft an.
Nun beginnt ein neuer Lebensabschnitt. In der Beratung erzählt sie von ihrem Wunsch, wieder in ihrer alten Branche, dem Speditionsbereich, arbeiten zu wollen – aber wie? Von der Beraterin erfährt sie von der Möglichkeit, ihren Abschluss als Speditionskauffrau nachzuholen. Das würde ihre Chancen auf einen Arbeitsplatz deutlich erhöhen. Ihre Vorkenntnisse und die einschlägige Beschäftigung in ihrem Heimatland reichen aus, um die Zulassung zur Externenprüfung zu erhalten, denn auch Berufstätigkeit im Ausland wird dabei anerkannt. Mit strahlenden Augen über eine mögliche Perspektive ergreift Jurate B. ihre Chance. Gemeinsam mit der Beraterin wird der Lebenslauf überarbeitet, ein Tätigkeitsprofil erstellt und die Zulassung zur Prüfung beantragt. Parallel dazu sucht die Beraterin nach passenden Angeboten zur Nachqualifizierung und wird bei der DEKRA fündig. Dorthin geht Jurate B., um sich einen individuellen Bildungsplan erstellen zu lassen. Es folgen Gespräche mit der Bundesagentur für Arbeit, um die Förderung ihrer Weiterbildung genehmigt zu bekommen. Aufgrund der guten Kontakte des Projekts zur Agentur sind die Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter vorinformiert und unterstützen das Vorhaben.
Bei der DEKRA findet die Schulung modular und EDV-unterstützt in kleinen Lerngruppen statt. Ein Tutor gibt Hilfestellung.
Für Jurate B. beginnt eine anstrengende Zeit. Jeden Morgen steigt sie um 6.19 Uhr in den Zug und fährt nach Bielefeld. Bis 14.30 Uhr arbeitet sie im Selbstlernzentrum, um sich den notwendigen Unterrichtsstoff anzueignen. Nachmittags zu Hause wartet die Familie mit zwei kleinen Kindern.
Dazu kommt das Training in der deutschen Sprache. Hier fehlt gezielte Unterstützung, um den Wortschatz zu erweitern. Noch gibt es in der Region über die Kurse des BAMF hinaus kein adäquates Angebot, das zum einen in Richtung Bildungssprache trainiert und zum anderen für Arbeitssuchende bezahlbar ist.
Durch den täglichen Umgang mit Kolleginnen und Kollegen im Lernzentrum hat sich ihr Deutsch zwar deutlich verbessert, aber reicht es für die Prüfung aus? Jurate B. ist sich unsicher. Dazu kommen weitere Schwierigkeiten, die ihr zu schaffen machen: bei einigen Modulen ist die Zeit in Verbindung mit der Fülle des Stoffs sehr knapp bemessen. „Ohne guten Lehrer, der sich sehr viel Mühe mit mir gibt und einer ungeheuren Selbstdisziplin würde ich es nicht schaffen“, ist ihre eindeutige Meinung. Problematisch ist für sie auch die englische Sprache. Sie hat zwar mal vor langer Zeit in der Schule in Litauen etwas Englisch gelernt, so dass sie den Klang der Sprache kennt. Dennoch ist das Sprachenlernen im Selbstlernverfahren wenig effektiv. Sprache muss man hören und sprechen.
Jetzt sucht sie einen Praktikumsplatz, um die Arbeit in einer Spedition in Deutschland kennen zu lernen. Ihre Beraterin aus dem Projekt unterstützt sie dabei.
Der Berufsabschluss über den Weg der Nachqualifizierung und der Externenprüfung ist ein harter Weg. Hier fehlt es an gezielten weiterbildungsbegleitenden Hilfen, um gerade Menschen aus anderen Ländern umfassend unterstützen zu können. Auch wenn jemand wie Jurate B. die kognitiven Fähigkeiten mitbringt und das Lernen gelernt hat während ihres Studiums, so kommen auch gut Qualifizierte alleine nur schwer mit den geballten Anforderungen des deutschen Bildungssystems zurecht.